Goethes Gedicht "Heideröslein" – InterpretationInhaltliche Deutung des Klassikers aus der Sturm und Drang-Periode
Gedichtinterpretation des "Heideröslein" von Johann Wolfgang von Goethe. Sexueller Missbrauch und gesellschaftliches Tabuthema oder simples Blumengedicht?
Die Melodie steigt jedem sofort in den Kopf, der auch nur die ersten Zeilen vom "Heideröslein“ aufsagt, unwillkürlich fällt man in den Takt der zwingenden, leicht melancholischen und dennoch trügerisch unschuldig klingenden Melodie. Man nimmt an, dass Goethes "Heideröslein“ auf einem wirklichen Volkslied basiert, verfasst 1545 in Leipzig. Der Autor von "Sie gleicht wohl einem Rosenstock“ ist leider unbekannt, die teilweise recht starke Textähnlichkeit zwischen diesem Volkslied und Goethes Kunstform ist jedoch auffällig. Historischer Hintergrund zum HeiderösleinDer ursprüngliche Text weist zwar nicht die gleiche Brutalität auf wie das "Heideröslein“, spricht aber ebenso von zwei jungen Leuten und ihrer Beziehung zueinander. Im Lied von 1545 ist allerdings das beteiligte Mädchen noch eindeutig als dieses identifizierbar und wurde nicht nur auf eine Blume reduziert, die von einem wilden Knaben gewaltsam gebrochen wird. Die Geliebte wird in ihrer Kleidung und Art mit einem Rosenbusch verglichen. Goethes Heideröslein kann leicht den Eindruck erwecken, dass es sich nur um ein bloßes Blumengedicht handelt, in dem ein Röschen gepflückt wird. Plausibler ist die Lesart, beim Röslein handele es sich um die Metapher für ein blutjunges, jungfräuliches Mädchen, das gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen gezwungen wird. Bekanntester Vertreter dieser Lesart ist der Germanist Peter von Matt. Interpretation der Handlung in Goethes "Heideröslein“In den drei Strophen werden drei in sich geschlossene Handlungen absolviert:
"Lief er schnell es nah zu seh'n Sah's mit vielen Freuden“
"Knabe sprach: ,Ich breche dich, Röslein auf der Heiden.‘“
"Und der wilde Knabe brach 's Röslein auf der Heiden;“ FarbmetaphorikDas Röslein wird nicht als gelb oder rosenfarben beschrieben, sondern rot. Rot ist in der Farbsymbolik die Farbe der Liebe, der feurigen Leidenschaft, der Lust, aber auch von Blut und triebbestimmter, unkontrollierbarer Gewalt. Sie verstärkt die Thematik des Gedichtes mit ihrer Signalfunktion. Geht man von der Interpretationsmöglichkeit aus, dass hier ein sexueller Übergriff auf ein jungfräuliches Mädchen stattfindet, kann man es zum einen als Blutung nach dem (erzwungenen) Geschlechtsakt deuten oder als Hinweis auf die Menarche samt langsam erwachender Sexualität. So oder so: Rot dient hier als die Farbe der Frau-Werdung – ob nun auf eine freiwillige oder erzwungene Weise. Der weibliche Part – das HeiderösleinDer Rhythmus des Gedichts wirkt geradezu zwingend auf den Adressaten und erfährt eine langsame Steigerung, die auf ein unaufhaltsames Ende zusteuert. Mit jedem Fallen und Heben des Rhythmus nähert man sich dem Brechen der Rose, der Zerstörung der Makellosigkeit. Denn dass das Mädchen jung und jungfräulich ist, ist schon aus den Zeilen der ersten Strophe entnehmbar. Sie ist "jung und morgenschön", sozusagen taufrisch und noch unberührt. Auch die Diminutiva, die zu ihrer Beschreibung benutzt werden, drücken dies aus. Sie ist keine erwachsene, schon völlig erblühte Rose, keine Frau, die auf dem Höhepunkt ihrer Weiblichkeit steht, sondern ein "Röslein“. Fast noch Knospe, im Heranwachsen befindlich, erst im Übergang vom Kind zur erwachsenen Frau. Der männliche Part – der wilde KnabeDie Sprachwahl des Gedichts scheint stark zu verharmlosen und die Sinnebene auf den ersten Blick zu verschleiern. Ein morbides Kinderlied, das über eine rücksichtslose Vergewaltigung spricht. Der aktiv handelnde Täter wird nur als "Knabe“ allenfalls noch als "der wilde Knabe“ bezeichnet. Der Status des Protagonisten wird bagatellisiert, die Gewaltanwendung nur als Handlung eines etwas stürmischen Jungen hingenommen, der seine Triebe scheinbar nicht im Zaum hat. Eine undurchdachte Handlung, ja, aber dennoch nur ein Kavaliersdelikt ohne gesellschaftliche Sanktionen. Tabuthema der GesellschaftDiese Rose wird nicht ruhig und schön weiterwachsen können, sie ist entwurzelt, von ihrem eigenen Selbst getrennt und seelisch gebrochen, die unberührten Blätter gewaltsam zerquetscht. Sie ist nicht nur zer- sondern auch abgebrochen – kann nicht neue Wurzeln fassen und neues Glück finden. Diese Blume, dieses Mädchen wurde rückhaltlos ausgerupft, zerstört. Was bedeutete es für ein junges Mädchen der bürgerlichen Schicht der damaligen Zeit, ihre Unschuld zu verlieren? Ein nicht wieder gut zu machender Fehler, der ihr angelastet wird, sie befleckt und womöglich als Makel ein Leben lang bestehen bleibt. Denn welcher Mann würde solch ein Geschöpf schon zur Frau nehmen? Missbraucht, oder gar freiwillig hingegeben? Ein Tabuthema der Gesellschaft und eine verwelkte und gebrochene Rose. Vielleicht wollte Goethe also gar nicht bagatellisieren, sondern auf diesen Umstand aufmerksam machen. Artikel zu den stilistischen Mitteln und rhetorischen Figuren bei Goethes "Heideröslein".
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